Gartenschreiber
Wolfram Franke

Inflation der Freiheit

Schlimm scheint es um die persönliche Freiheit der „freien, mündigen Bürger“ in unserem Land bestellt zu sein. 

Diesen Eindruck mussten die Leserinnen und Leser eines Artikels in der „Süddeutschen Zeitung“ vom 29. Juni 2012 gewinnen, Titel: „Du sollst nicht dürfen!“ Da regte sich eine Berliner Bürgerin über den Schilderwald an einem Kinderspielplatz auf. Dies veranlasste den Autor des Artikels zu der Behauptung, Deutschland sei ein „Verbotsland“. Da gebe es Geschwindigkeitsbegrenzungen, Leinenzwang für Hunde und – ja, und dann auch noch das Rauchverbot!

Die armen, mündigen Raucher und Raser ...

Nun ist ja beispielsweise das Rauchverbot eine Maßnahme, die eine Mehrheit von „mündigen, freien Bürgern“ gewollt hat, jedenfalls in Bayern, wo dieses Verbot durch einen Volksentscheid herbeigeführt wurde. Und was Geschwindigkeitsbegrenzungen betrifft: Nirgendwo in Europa (oder weltweit?) darf auf Autobahnen noch so hemmungslos gerast werden wie in Deutschland! 

Wie frei sind eigentlich Nichtraucher, die in Restaurants, in denen geraucht wird, nicht essen gehen können? Oder Anwohner einer Straße, die ihre Kinder nicht mehr allein vor die Haustür lassen können, weil sich die meisten „mündigen Bürger“ die Freiheit nehmen, dort hindurch zu rasen? 

Nun bin auch ich der Meinung, dass in unserem Staat manches überreglementiert ist und man auf etliche Verkehrsschilder verzichten könnte. Aber ist durch das Rauchverbot, Geschwindigkeits-begrenzungen und ein paar Schilder zuviel oder gar die Hundesteuer unsere Freiheit gefährdet?

Nazi-Terror und DDR-Regime – schon vergessen?

Meine ersten elf Lebensjahre verbrachte ich in der DDR. Meine beiden Eltern waren Lehrer. Sie waren keine Parteimitglieder und, da sie der evangelischen Kirche sehr nahe standen, ein Hindernis in der sozialistischen Pädagogik des Regimes. Vor allem mein Vater wurde bespitzelt, in seinem Beruf zurückgesetzt und auch ich war (an derselben Schule) den Schikanen meines Klassenlehrers ausgesetzt, weil ich nicht Mitglied der „Jungen Pioniere“ werden wollte. Im Jahr 1960, einem Jahr vor dem Bau der Berliner Mauer, blieb nur noch eins: die Flucht aus der DDR in die Bundesrepublik. 

Meinen Eltern ist diese Entscheidung nicht leicht gefallen. Der Neuanfang in der Bundesrepublik war schwer, ich hatte die für mich überraschende Flucht in meinen Jugendjahren lange Zeit nicht verkraftet. Meine Eltern und ich haben erfahren, was es heißt, in Unfreiheit zu leben und wie lange man braucht, sich in Freiheit davon zu erholen.

Vergleichsweise harmlos ist das Schicksal meiner Familie jedoch gegen die Leiden der vom Naziterror Ermordeten und Verfolgten. 

Nazis unter uns: Noch immer oder wieder?

Und als ob man nichts daraus gelernt hätte, zieht ein Trio, das sich „Nationalsozialistischer Untergrund“ nennt, zehn Jahre lang mordend durchs Land, und Polizei und Verfassungsschutz sind auf dem rechten Auge blind. Ganz offiziell sprach man „Dönermorden“, denn es ist wohl viel leichter, Türken und Griechen der Morde untereinander zu beschuldigen, als die Spur im eigenen Volk zu verfolgen. Manche Dörfer Mecklenburg-Vorpommerns werden komplett von der NPD beherrscht und tyrannisiert, und der Staat schafft es nicht, diese demokratiefeindliche und mit rechtsradikalen Gewalttätern in Verbindung stehende Partei zu verbieten sowie dem rechten Terror auf diesen Dörfern ein Ende zu bereiten! – Wer redet bei diesem Thema eigentlich von Bedrohung der Freiheit?

Gewaltherrschaft, Krieg und Flucht ...

Wo immer man sich in der Welt umschaut, werden Menschen wegen ihrer Rasse, ihres Glaubens, ihrer Weltanschauung oder einfach nur wegen ihrer Lebensweise verfolgt, eingesperrt, gefoltert, zu Zwangsarbeit oder Militärdienst gezwungen in die Flucht getrieben und ermordet. – Viele ringen um Freiheit und bekommen oft nur eine neue Gewaltherrschaft.

Staatliche Willkür und Geld in der Schweiz ...

In Bayern steckt man einen Mann acht Jahre lang in die Psychiatrie, erklärt ihn für paranoid, weil er die offensichtlich schmutzigen Bankgeschäfte seiner Ex-Frau aufdecken wollte. 

Und ist es nicht auch eine Art Freiheitsberaubung, wenn einige besonders Wohlhabende meinen, ihr Vermögen in die Schweiz bringen zu müssen, um sich vor den Steuern zu drücken, Geld zu veruntreuen, das unserem Land für Kitas, Schulen, Altenheime, Arbeitslose, in Not geratene Menschen fehlt? Mit ihrer Raffgier schränken sie die Freiheit Not leidender Mitbürger ein, denen nicht oder nur unzureichend geholfen werden kann.  

Jammern auf hohem Niveau

Doch viele Leute hierzulande haben offenbar andere Probleme. Sie regen sich über die Hundesteuer auf, über Leinenzwang und weil ihre Köter – mit Verlaub – nicht mehr hemmungslos in Kindersandkästen kacken dürfen. Und übers Rauchverbot oder Geschwindigkeitsbegrenzungen, Bußgelder, ein paar Verkehrsschilder zu viel ... und sehen dadurch ihre Freiheit bedroht.

Ich finde das lächerlich und sehr traurig!


19. Dezember 2012